Wir sitzen in einem Halbkreis. Die meisten von uns haben dicke Winterstiefel an und wir reiben uns die Hände und versuchen uns auf den Bierbänken auf denen wir sitzen mit Tee und Decken warm zu halten. Auf zwei Stühlen vor uns im kalten Sand der Reithalle sitzen zwei Frauen neben einem Flipchart. Alle haben Namensschilder auf der Brust kleben, die uns die sehr gut vorbereiteten Leiterinnen des Schnupperkurses für eine Ausbildung im Pferdegestützten Coaching ausgeteilt haben. Hinter ihnen zwei Pferde.
Vielleicht mochte ich immer so gern mit Pferden umgehen, weil meine Führungskompetenz von ihnen nicht negativ bewertet wurde, sondern mich zu einer kompetenteren Reiterin machte. Am Pferd war diese Eigenschaft gefordert und wurde nicht als störend empfunden. Früher hieß es im gängigen Reitunterricht, man müsse sich besser durchsetzten, wenn etwas nicht klappte. Oft mit Hilfsmitteln und Druck. So habe ich Reiten – und auch Leiten – gelernt. Es war funktional und unsympathisch und doch für ein junges Mädchen mit vielen Fragen an ihren Selbstwert eine wertvolle Erfahrung. Was ich heute kann hat eine ganz andere Qualität. Ich lerne immer mehr durch eine klare innere Haltung und in vertrauensvoller Partnerschaft zu Reiten – und zu leiten. Heute folgen mir Pferde freiwillig. Ich kann sie immer besser lesen und mich in ihrer Welt immer besser verständlich machen, sodass eine Partnerschaft und gegenseitiges Vertrauen entsteht. Diese Tiere berühren etwas tief in mir und haben mich durch wichtige Phasen meines Lebens begleitet und geprägt. Und vielleicht werde ich das bald an andere weitergeben können. So wie all die anderen Frauen hier in unserer Runde. Und ein Mann. Er ist von der Sorte Harte-Schale-Weicher-Kern und lässt nicht nur die Herzen seiner Partnerin schneller schlagen sondern berührt mit seiner Reflexion über die erste Übung jede Menge Zuhörerinnen. Wie er seine Zweifel überwunden hat und dann mutig mit großem, schwarzen Pferd an der Hand Hindernisse überwand. Gott sei Dank leben wir immer öfter in einer Welt in der Männern über Gefühle reden können – wenn auch manchmal erstmal in sicheren Frauenrunden. Und dieser Text über den Schmerz von starken Frauen, der trägt nicht nur den Schmerz der Frauen, sondern auch den der verletzlichen Männer. Wir alle leiden an diesen Narrativen, dass Männern stark oder zumindest stärker sind und bleiben sollen. Wir alle hier auf unseren Bierbänken im Reithallensand.
Die Reflexion geht weiter. Eine Frau nach der anderen äußert ihre inneren Dialoge, in denen sie sich entschied „heute mal nicht direkt die Führung zu übernehmen“ sondern „sich mal mehr zurückzunehmen“ und „die anderen mal machen zu lassen.“
„Bist du generell eine Person, die „bossy“ ist?“ fragt der gutaussehende, bekannte, amerikanische Fernsehmoderator, dessen Namen ich nicht kenne, weil ich mir sowas nicht merken kann. „Nein, ich würde einfach sagen ich bin ein Boss.“ antwortet die zum Interview geladene Frau auf dem roten Sessel gegenüber mit einem breiten Lächeln auf das Gelächter und Applaus aus dem Publikum folgt. „Was ist der Unterschied zwischen „bossy“ sein und ein Boss sein?“ möchte der Moderator etwas irritiert wissen. Und sie antwortet mit einem schelmischem Lächeln und gleichzeitig einer Haltung in der Stimme, die viel tiefere Schichten ihrer Antwort erahnen lässt: „Eine Frau zu sein.“ Der Austausch geht noch einmal hin und her und während ich an ihren letzten Worten hängen geblieben bin, schließt sie ab: „Denn du wirst Boss genannt und ich „bossy“. Das ist der Unterschied.“
Es gibt unterschiedliche Führungsstile. Es gibt angenehme und unangenehme Dominanz, ganz klar. Und dominant, das ist ja sowieso ein bewusst provokativ gewähltes Wort. Im Zusammenhang mit Frauen ja fast ein Schimpfwort. Doch wir halten es hier mal so wie die Pferde und nehmen das Wort mal so ohne Beurteilung als bestimmend und einflussreich.
„Ich finde dominante Frauen furchteinflössend. Sie nehmen zu viel Raum ein und lassen anderen zu wenig.“
„Ich mag dominante Frauen nur, wenn sie auf Augenhöhe bleiben und nicht manipulieren.“
„Dominante Frauen lassen mich einen Schritt zurück treten.“
„Manchmal schüchtern sie mich ein. Manchmal machen sie mich ärgerlich.“
„Sie lösen in mir auch Neid aus.“
„Dominante Frauen lösen bei mir Unbehagen und Unsicherheit aus.“
waren Rückmeldungen, die ich auf Instagram auf die Frage „Wie geht es dir mit dominanten Frauen?“ erhalten habe. Und eine, wie eine Rückfrage: „Ich wünsche mir, dass diese Frage nicht nur Frauen gestellt wird.“ und ich erweitere: Ich wünsche mir, dass nicht nur Frauen sich diese Frage stellen. Meiner Meinung nach gibt es jede Menge Männern in Führungspositionen, die sich diese Frage stellen müssen bevor noch mehr Frauen in einer Reithalle mit einem Pferd am Strick auf einer Plane stehen und sich ganz fest vornehmen öfter mal den Mund zu halten.
Frauen in Führungspositionen machen die Welt zu einem besseren Ort. Bringen statistisch gesehen mehr Weitblick und emotionale Intelligenz mit und sind sie in Staatsführungspositionen kommt es zu weniger Kriegen und Gewalt. Als Mütter erweitern sich die Kompetenzen sogar noch, schriebt Prof. Dr. Höhler in „Allein unter Wölfen“: „Der große Vorsprung vieler Top-Frauen vor Karrieristen mit einseitiger Vita im Beruf ist die Erfahrung mit kindlichen Entwicklungsprozessen. Gelassenheit, Humor, ein überlegenes Urteilsvermögen, Augenmaß beim Umgang mit Risiken und Chancen, Großzügigkeit gegenüber den Prahlereien und Überlegenheitsritualen unter Männern sind nur einige der Vorzüge, die Frauen aus der Kinderwelt mitbringen.“ Es ist nicht nur okay oder aushaltbar, dass es dominanten Frauen gibt. Es ist wundervoll, bereichernd und wichtig! Doch meine Füsse sind kalt hier auf der Bierbank und ich kann hier jetzt keine feministische Debatte führen. Ist ja auch Coaching, da lässt man sowieso alles so stehen.
In meinem Handy schreiben mir Frauen auf die Frage, wie es ihnen als dominante Frau ergeht einige längere Nachrichten. Davon, dass sie als Alleinerziehende mit vier Kindern wunderbar durch Leben kommt – nur eben ohne Partner, sie sei wohl zu einschüchternd für die meisten Männer. Sie habe sich daran gewöhnt einige Männertypen mit ihrer Persönlichkeit zu triggern. Andere schreiben darüber, dass Schwiegerväter, Ehemänner, Väter und Chefs sich angegriffen fühlen und es immer wieder zu Konflikten komme. Es scheint als wäre es für manches Umfeld in Ordnung, wenn eine Frau dominant ist. Nur eben auf keinen Fall dominanter als die Männer, die das Sagen haben. Immer wieder beschreiben starke Frauen ihr Leben als anstrengend, es sei so ermüdend immer wieder Irritationen auszulösen. Manchmal fühlten sie sich falsch und unweiblich und spüren die Ablehnung anderer. Sie finden sich damit ab, keinen Partner zu finden und als Neue im Dorf sofort abgestempelt zu werden. Andere haben sich an den Gegenwind gewöhnt, breiten in ihm ihre Segel aus und schreiben mir mit einem Augenzwinkern: „Was heißt da dominant? Eigenständig!“ oder „Hmm… ich bin dir zu dominant? Das liegt wahrscheinlich daran, dass du mir zu angepasst bist.“ Doch auch mit Humor kann ich nicht überlesen wie sich mein Postfach füllt: „Oft habe ich das Gefühl zu viel zu sein. Und nicht Frau genug.“ und „Ende von Lied: Ich bin psychisch am Ende.“
Ich sitze hier im Halbkreis, habe meine dicksten Winterstiefel an, reibe mir die Hände und versuche mich auf der Bierbank mit Tee und Decken warm zu halten. In mir ein kalter Schauer. Eine der Kursleiterinnen auf den Stühlen vor uns fragt mich, was ich aus der Übung mitgenommen habe. Das hätte ich jetzt tatsächlich auch gern für mich behalten.
Ich erinnere mich an den kurzen Moment der Stille in dem wir uns zu Beginn der Übung ansahen und klar war, dass es hier nun eine Absprache braucht und es keine Moderatorin gibt. Ich wartete kurz ab. Niemand nahm sich das Wort. Es waren Sekunden. Kurz wollte ich ansetzen zu denken, was so viele später sagen sollten: „Heute werde ich mal nicht direkt die Führung zu übernehmen“ sondern „mich mal mehr zurückzunehmen“ und „die anderen mal machen zu lassen.“ Doch ich schüttelte ihn ab und dachte stattdessen: „Ach komm Sarah, dir fällt das leichter jetzt etwas zu sagen als nicht und das hilft der Gruppe bestimmt.“ Ich öffnete mein Herz und meinen Mund und hörte mich sagen: „Vor meinem innere Augen habe ich uns im Kreis stehend gesehen. Hat noch jemand eine andere Idee?“
So wie alle anderen sagen durften was ich nicht denken wollte, nahm ich mir nun auch diese Freiheit und berichtete, dass ich mich lange Zeit nicht wohl damit gefühlt hatte schnell die Führungsrolle zu übernehmen, doch, dass ich mich mittlerweile immer mehr damit anfreunde. Es ist meine natürlichste Rolle und ich nutze sie gern – deshalb habe ich zuerst etwas gesagt.
Die Welt muss nicht nur lernen mit dominanten Frauen umzugehen. Sie müssen auch dominanter sein dürfen. Und das dürfen wir uns zuallererst selbst erlauben!
Würdest du sagen eine dominante Frau ist gleichzeitig einw starke Frau und umgekehrt?
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